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KI-Schweißnahtverfolgung: Naht in Echtzeit führen
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- Phillip Pham
- @ddppham
TL;DR
Schweißroboter im Mittelstand arbeiten häufig mit festprogrammierten Bahnen — bei Toleranzen der Bauteile entstehen Nahtfehler. KI-gestützte Nahtverfolgung erkennt die tatsächliche Nahtposition per Kamera und korrigiert den Roboter in Echtzeit. Die Nacharbeitsrate sinkt um 94 %, die Schweißqualität steigt auf Bewertungsgruppe B nach ISO 5817. Nachrüstung ab €12.000 pro Roboterzelle.
Das Problem: Toleranzen vs. starre Roboterbahnen
Ein Schweißroboter fährt exakt die programmierte Bahn — aber das Bauteil liegt nicht exakt so wie programmiert. Ursachen:
- Bauteil-Toleranzen: ±0,5–2 mm bei Laser-Zuschnitten, ±1–3 mm bei Brennzuschnitten
- Vorrichtungs-Verschleiß: Spanner und Anschläge verschleißen über Wochen
- Thermischer Verzug: Vorherige Nähte verziehen das Bauteil um 0,5–4 mm
- Chargenschwankungen: Materialdicke variiert innerhalb der Toleranz
Bei einer 500 mm langen V-Naht reichen 1,5 mm Versatz, um die Naht außerhalb der Bewertungsgruppe C (ISO 5817) zu bringen. Die Folge:
- 18–25 % Nacharbeitsrate bei festprogrammierten Schweißrobotern
- €45–120 pro Nacharbeit (Schleifen, Nachschweißen, Prüfung)
- 3,2 % Ausschussrate bei sicherheitsrelevanten Baugruppen
- €62.000–94.000 Nacharbeitskosten pro Roboterzelle und Jahr
Wie KI-Schweißnahtverfolgung funktioniert
Sensorprinzipien
# Sensoroptionen für Nahtführung
laser_triangulation:
prinzip: "Laserlinie + Kamera → 3D-Profil der Naht"
genauigkeit: "±0.05 mm"
geschwindigkeit: "bis 300 Hz Profilrate"
kosten: "€6.500-12.000"
vorteile: ["Höchste Genauigkeit", "Funktioniert bei Lichtbogen"]
einschraenkung: "Reflexionen auf Edelstahl"
lichtbogensensorik:
prinzip: "Strom/Spannungsanalyse während Pendelschweißen"
genauigkeit: "±0.3 mm"
geschwindigkeit: "Echtzeit"
kosten: "€2.500-4.000"
vorteile: ["Keine zusätzliche Hardware am Brenner", "Kostengünstig"]
einschraenkung: "Nur bei Pendelbewegung, nicht bei Steppnähten"
kamera_ki:
prinzip: "Hochgeschwindigkeitskamera + neuronales Netz"
genauigkeit: "±0.1 mm"
geschwindigkeit: "60-120 fps"
kosten: "€4.000-8.000"
vorteile: ["Erkennt auch Nahtqualität", "Lernfähig"]
einschraenkung: "Rauch und Spritzer stören"
KI-basierte Erkennung
Klassische Laser-Triangulation erkennt Geometrien — KI geht weiter:
- Nahttyp-Erkennung: V-Naht, Kehlnaht, Stumpfnaht, Überlappnaht automatisch identifizieren
- Fugenmessung: Spaltbreite und -tiefe in Echtzeit messen
- Adaptive Parameter: Schweißstrom und -geschwindigkeit an den tatsächlichen Spalt anpassen
- Qualitätsüberwachung: Nahtbreite, Einbrandtiefe und Nahthöhe während des Schweißens bewerten
- Defekterkennung: Poren, Bindefehler und Einbrandkerben sofort erkennen
Regelkreis
Der KI-Controller schließt den Regelkreis in unter 10 Millisekunden:
Kamera erfasst Nahtposition → KI berechnet Korrekturvektor → Robotersteuerung passt TCP (Tool Center Point) an → nächstes Frame prüft die Korrektur.
Die Latenz von der Erkennung bis zur Roboteraktion beträgt 8–12 ms. Bei einer Schweißgeschwindigkeit von 60 cm/min entspricht das 0,1 mm Nachlauf — vernachlässigbar.
Praxisbeispiel: Schweißbaugruppen für Landmaschinen
Ein Hersteller von Anbaugeräten für Traktoren (78 Mitarbeiter, 3 Schweißroboter KUKA KR 16) in Niedersachsen:
Ausgangslage:
- 3 Roboterzellen, MAG-Schweißen, S355-Stahl
- 180 Baugruppen pro Tag, Ø 12 Nähte pro Baugruppe
- Nacharbeitsrate: 22 %
- 2 Schweißfacharbeiter für Nacharbeit gebunden
- ISO 3834-2 Zertifizierung → lückenlose Dokumentation
Umsetzung:
- Laser-Triangulationssensor (Scansonic ALO3) an jedem Roboter
- KI-Software für adaptive Parameterregelung
- Integration in KUKA KRC5 Steuerung
- Nahtdaten automatisch in QS-Protokoll geschrieben
Ergebnisse nach 8 Monaten:
| Kennzahl | Vorher | Nachher |
|---|---|---|
| Nacharbeitsrate | 22 % | 1,3 % |
| Ausschussrate | 3,2 % | 0,4 % |
| Schweißgeschwindigkeit | 48 cm/min | 55 cm/min (+15 %) |
| Nacharbeit-Personal | 2 Vollzeitkräfte | 0,2 Vollzeitkräfte |
| Bewertungsgruppe (ISO 5817) | Ø C | Ø B |
| Jährliche Einsparung | — | €118.000 |
Die Einsparung setzt sich zusammen aus: reduzierter Nacharbeit (€82.000), weniger Ausschuss (€19.000), höherer Durchsatz (€17.000).
Nachrüstung bestehender Roboterzellen
Kompatibilität
Die KI-Nahtverfolgung lässt sich an die meisten Industrieroboter nachrüsten:
- KUKA: KRC4 und KRC5, direkte Schnittstelle über RSI (Robot Sensor Interface)
- FANUC: R-30iB Plus, über EtherNet/IP
- ABB: IRC5 und OmniCore, über EGM (Externally Guided Motion)
- Yaskawa: YRC1000, über MotoPlus SDK
Installationsaufwand
# Nachrüstplan pro Roboterzelle
tag_1:
- "Sensor mechanisch montieren (Brennerhalterung)"
- "Kabel und Controller installieren"
aufwand: "6 Stunden"
tag_2:
- "Kalibrierung Sensor → Roboter-TCP"
- "Kommunikation Sensor ↔ Steuerung testen"
aufwand: "4 Stunden"
tag_3:
- "5 Nahttypen einlernen (Referenzfahrten)"
- "Schweißparameter-Mapping konfigurieren"
aufwand: "6 Stunden"
tag_4:
- "Produktionslauf mit 50 Baugruppen"
- "Feintuning und Abnahme"
aufwand: "8 Stunden"
gesamt: "3-4 Arbeitstage pro Zelle"
kosten_gesamt: "€12.000-22.000 (inkl. Hardware + Inbetriebnahme)"
Wirtschaftlichkeit berechnen
Formel für die jährliche Einsparung:
Einsparung = (Nacharbeitsstunden × Stundensatz) + (Ausschussteile × Materialkosten) + (Durchsatzsteigerung × Deckungsbeitrag)
Beispiel: 180 Baugruppen/Tag × 22 % Nacharbeit × €65 Nacharbeitskosten × 250 Arbeitstage = €643.500 Nacharbeitskosten/Jahr. Bei Reduktion auf 1,3 %: €23.725 → Einsparung: €619.775 bei 3 Zellen.
Für eine detaillierte Kalkulation nutzen Sie die ROI-Berechnung mit Excel-Vorlage. Weitere Informationen zu KI in der Fertigung finden Sie unter KI-Stanzwerkzeug Verschleißerkennung und im Komplettleitfaden KI für Unternehmen.
FAQ
Funktioniert die Nahtverfolgung auch bei Edelstahl?
Ja, mit Einschränkungen. Laser-Triangulation wird durch Reflexionen auf polierten Oberflächen gestört. Lösung: Kamerasysteme mit polarisiertem Licht oder Lichtbogensensorik.
Kann der Sensor den Rauch beim Schweißen durchschauen?
Laser-Triangulation arbeitet im Infrarotbereich und wird weniger von Rauch beeinflusst. Zusätzlich hilft Crossjet (Druckluft-Querstrahl) am Sensor, Spritzer und Rauch fernzuhalten.
Wie oft muss der Sensor kalibriert werden?
Nach der initialen Kalibrierung alle 3–6 Monate oder nach einem Brennerwechsel/Crash. Die Kalibrierung dauert 15 Minuten mit einem Referenzkörper.
Bremst die Nahtverfolgung die Taktzeit?
Nein. Die KI-Berechnung läuft parallel zur Roboterbewegung. Die Schweißgeschwindigkeit bleibt gleich oder steigt sogar, weil der Roboter keine Sicherheitsabschläge für Toleranzen mehr braucht.
Welche Nahtarten werden unterstützt?
Alle gängigen Nahttypen: V-Naht, Kehlnaht, Stumpfnaht, Überlappnaht, HV-Naht und Bördelnaht. Für Sonderformen (z. B. Rohr-auf-Platte) ist ein spezifisches Training nötig.
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