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KI-Folienextrusion: Schichtdicke exakt regeln

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TL;DR

KI-Regelung in der Folienextrusion hält die Schichtdicke auf ±1,5 % statt ±4,8 % bei konventioneller Steuerung. Das reduziert den Materialverbrauch um 8 % und senkt den Ausschuss um 62 %. Ein Verpackungsfolienhersteller aus NRW spart damit €156.000 pro Jahr bei 3.200 Tonnen Jahresproduktion.


3.200 Tonnen Folie, davon 247 Tonnen Ausschuss

Ein mittelständischer Folienhersteller in Nordrhein-Westfalen produziert Verpackungsfolien auf 4 Blasfolienanlagen. 3.200 Tonnen PE-Folie pro Jahr, davon landen 247 Tonnen als Ausschuss im Regranulat — weil die Schichtdicke außerhalb der Toleranz liegt.

Die Ursache ist bekannt: Blasfolienextrusion ist ein multivariater Prozess. Schmelzetemperatur, Blasverhältnis, Abzugsgeschwindigkeit, Kühlluftmenge und Düsenspalt beeinflussen die Schichtdicke gleichzeitig. Ein erfahrener Maschinenführer stellt diese Parameter nach Gefühl ein und korrigiert manuell — aber zwischen 2:00 und 6:00 Uhr nachts sinkt die Aufmerksamkeit, und die Toleranz weitet sich auf.

Die wirtschaftliche Dimension:

  • Ausschuss: 247 t × €1.420/t = €350.740/Jahr
  • Regranulat-Erlös: 247 t × €680/t = −€167.960
  • Netto-Verlust durch Ausschuss: €182.780/Jahr
  • Dazu: Überdimensionierung (Folie dicker als nötig, weil Toleranz unsicher) = ca. €89.000/Jahr

Was die KI-Regelung anders macht

Konventionelle Extrudersteuerungen regeln jeden Parameter einzeln: PID-Regler für Temperatur, PID-Regler für Abzug, PID-Regler für Kühlluft. Aber die Parameter hängen zusammen — eine Temperaturänderung von 2 °C verschiebt das optimale Blasverhältnis um 0,3 Punkte.

Die KI-Regelung arbeitet multivariat: Sie betrachtet alle Prozessparameter gleichzeitig und berechnet die optimale Kombination in Echtzeit.

Systemarchitektur

KI-Folienextrusion Regelkreis:
  sensoren:
    schichtdicke:
      typ: "Kapazitives Dickenmessgerät (NDC Technologies)"
      messpunkte: "128 pro Umlauf"
      aufloesung: "0.1 µm"
      messfrequenz: "2 Umläufe/Sekunde"

    schmelze:
      temperatur: "5 Zonen (±0.5 °C)"
      druck: "Schmelzedrucksensor am Düsenaustritt"
      durchsatz: "Gravimetrische Dosierung"

    prozess:
      blasverhaeltnis: "Kamera + Bildverarbeitung"
      frostlinie: "IR-Kamera (Höhe automatisch)"
      kuehlluft: "Volumenstrom + Temperatur"
      abzug: "Geschwindigkeit + Zugkraft"

  ki_modell:
    typ: "Model Predictive Control (MPC) + neuronales Netz"
    eingaenge: 23  # alle Sensorwerte
    ausgaenge: 8   # Stellgrößen
    horizont: "60 Sekunden voraus"
    zykluszeit: "200 ms"
    training: "48h Produktionsdaten + Online-Adaption"

  stellgroessen:
    - "Extruderdrehzahl (±2 %)"
    - "Zonentemperaturen (±3 °C)"
    - "Kühlluftvolumen (±5 %)"
    - "Abzugsgeschwindigkeit (±1.5 %)"
    - "Düsenspalt (16 Segmente, ±15 µm)"

Der Unterschied: Reaktiv vs. Prädiktiv

AspektKonventionelle RegelungKI-Regelung
AnsatzAbweichung messen → korrigierenAbweichung vorhersagen → verhindern
Reaktionszeit8–12 Sekunden< 1 Sekunde
Toleranz Schichtdicke±4,8 %±1,5 %
MaterialschonendHäufige KorrekturenSanfte, vorausschauende Anpassung
Anfahrverlust45–60 Minuten15–20 Minuten
NachtschichtQualität schwanktKonstant

Die prädiktive Regelung berechnet 60 Sekunden voraus, wie sich die aktuelle Parameterkonstellation auf die Schichtdicke auswirken wird — und greift ein, bevor die Abweichung entsteht.

Praxisbericht: Verpackungsfolienhersteller NRW

Unternehmen: Stretchfolien und Schrumpffolien für Logistik und Lebensmittel, 78 Mitarbeiter, 4 Blasfolienanlagen

Projektverlauf:

Monat 1–2: Datenerfassung und Modelltraining Alle 4 Anlagen wurden mit zusätzlicher Sensorik bestückt (Schichtdickenmessung war bereits vorhanden). Die KI lernte 48 Stunden pro Anlage im reinen Beobachtungsmodus — ohne Eingriff in die Produktion.

Monat 3: Parallelbetrieb auf Anlage 1 Die KI gab Empfehlungen, der Maschinenführer entschied. Ergebnis: 91 % der KI-Empfehlungen waren korrekt, Schichtdickentoleranz sank auf ±2,1 %.

Monat 4–6: Vollautomatik auf allen Anlagen Die KI regelt eigenständig. Maschinenführer überwacht und greift nur bei Materialwechsel manuell ein.

Ergebnisse nach 12 Monaten:

  • Schichtdickentoleranz: ±1,5 % (vorher ±4,8 %)
  • Ausschussrate: 2,9 % (vorher 7,7 %) — Reduktion um 62 %
  • Materialverbrauch: −8 % (dünnere Zieldicke möglich durch engere Toleranz)
  • Anfahrverlust: −67 % (15 min statt 45 min)
  • Durchsatz: +4,2 % (höhere Abzugsgeschwindigkeit durch stabileren Prozess)

Finanzielle Bilanz:

  • Weniger Ausschuss: €72.000/Jahr
  • Materialeinsparung (8 %): €56.000/Jahr
  • Höherer Durchsatz: €38.000/Jahr
  • Abzüglich System + Wartung: −€10.000/Jahr
  • Netto-Einsparung: €156.000/Jahr

Ähnliche Optimierungspotenziale bietet die KI-Parameteroptimierung beim Drahterodieren, wo ebenfalls multivariate Zusammenhänge die Qualität bestimmen.

Materialwechsel: Die härteste Probe für die KI

Beim Wechsel von PE-LD auf PE-HD oder bei Farbwechseln ändert sich das Fließverhalten der Schmelze grundlegend. Konventionell dauert die Einfahrphase 45–60 Minuten mit erheblichem Ausschuss.

Die KI kennt das Verhalten verschiedener Materialtypen aus dem Training. Beim Materialwechsel wählt sie automatisch das passende Modell und verkürzt die Einfahrphase auf 15–20 Minuten. Der Materialverbrauch in der Einfahrphase sinkt um 67 %.

Für Betriebe, die auch andere Fertigungsprozesse optimieren wollen, bietet sich die Kombination mit Schweißnahtprüfung und Stanzwerkzeug-Überwachung an — so entsteht schrittweise eine durchgängige KI-Fertigung.

Rezepturwechsel automatisieren

Folienhersteller produzieren oft 15–30 verschiedene Rezepturen auf einer Anlage. Jeder Rezepturwechsel bedeutet heute: Parameter manuell eingeben, Anlage anfahren, Schichtdicke prüfen, nachjustieren. Die KI speichert für jede Rezeptur ein optimiertes Parameterprofil und lädt es beim Wechsel automatisch.

Der Clou: Die KI berücksichtigt auch den aktuellen Zustand der Anlage. Eine Schnecke, die 8.000 Stunden gelaufen ist, braucht andere Drehzahlen als eine neue. Das System kompensiert den Schneckenverschleiß automatisch — ein Effekt, den selbst erfahrene Maschinenführer nur schwer manuell beherrschen.

Bei 4 Rezepturwechseln pro Tag und Anlage spart das 16 Minuten Einfahrzeit pro Wechsel. Auf das Jahr gerechnet sind das bei 4 Anlagen etwa 410 Stunden mehr Produktionszeit — bei einem Maschinenstundensatz von €185 entspricht das €75.850 zusätzlichem Produktionswert.

Voraussetzungen für die Nachrüstung

Mindestanforderungen an die Anlage:

  • Schichtdickenmessung vorhanden (kapazitiv oder radiometrisch)
  • Extruder mit steuerbarer Drehzahl (Frequenzumrichter)
  • SPS mit freien Ein-/Ausgängen oder OPC-UA-Schnittstelle
  • Netzwerkanbindung (Ethernet)

Nicht nachrüstbar bei:

  • Anlagen ohne automatische Düsenspaltverstellung (Thermobolzen fehlen)
  • Extruder ohne Drehzahlregelung
  • Schichtdickenmessung mit weniger als 32 Messpunkten pro Umlauf

Der ROI lässt sich mit unserer Vorlage berechnen — die wichtigsten Eingabewerte sind Jahresproduktion in Tonnen, aktuelle Ausschussrate und Materialpreis.

Häufige Fragen

Kann die KI auch Mehrschichtfolien regeln?

Ja, bei Mehrschichtfolien (Coextrusion) regelt das System jede Schicht einzeln. Die Herausforderung liegt in der Schichtdickenmessung: Bei 3- oder 5-Schichtfolien wird ein Infrarot-Messgerät benötigt, das die Einzelschichten unterscheiden kann. Die KI-Regelung wird dadurch komplexer, aber die Einsparung ist proportional höher — bei 5-Schicht-Folie liegt die typische Materialersparnis bei 10–12 %.

Wie reagiert das System auf Störungen wie Materialklumpen oder Gele?

Gele und Materialklumpen erzeugen kurzzeitige Schichtdickenspitzen. Die KI unterscheidet zwischen systematischen Abweichungen (Prozessdrift) und stochastischen Störungen (Gele). Bei einem Gel reagiert sie nicht mit einer Parameteränderung, sondern protokolliert den Vorfall für die Qualitätsdokumentation. Bei gehäuften Gelen warnt sie den Bediener, das Rohmaterial zu prüfen.

Welche Daten braucht die KI für das Training?

48 Stunden Produktionsdaten bei normaler Fahrweise reichen für das Basismodell. Idealerweise sind verschiedene Rezepturen und Dicken enthalten. Das System lernt im Betrieb weiter und verbessert sich kontinuierlich. Nach 3 Monaten Betrieb ist die Regelgüte typischerweise 15 % besser als direkt nach der Inbetriebnahme.

Funktioniert die Regelung auch bei Flachfolienextrusion (Cast-Folie)?

Ja, für Cast-Folien ist die Regelung sogar einfacher, weil der Blasverhältnis-Parameter entfällt. Die Hauptstellgrößen sind Extruderdrehzahl, Düsenspalt und Kühlwalzentemperatur. Die erreichbare Toleranz liegt bei ±1,0 % — noch enger als bei Blasfolie.

Wie hoch sind die laufenden Kosten nach der Installation?

Die jährlichen Kosten setzen sich zusammen aus Softwarelizenz (€4.800–€8.000 je nach Anlagenzahl), Wartung der Sensorik (€1.200/Anlage) und optionalem Support (€2.400/Jahr). Der Gesamtaufwand liegt bei €8.000–€12.000 pro Jahr für eine typische 4-Anlagen-Installation — bei €156.000 Einsparung ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1:15.

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