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KI für Kläranlage: 30% Strom sparen
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- Phillip Pham
- @ddppham
TL;DR
KI-gesteuerte Belüftungsoptimierung senkt den Stromverbrauch kommunaler Kläranlagen um bis zu 30 %. Bei einer mittelgroßen Anlage (50.000 EW) entspricht das einer Ersparnis von € 85.000 pro Jahr. Gleichzeitig verbessern sich die Ablaufwerte, weil die KI den Sauerstoffeintrag exakt an die aktuelle Schmutzfracht anpasst – rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr.
Kläranlagen: Deutschlands größte kommunale Stromverbraucher
Kläranlagen verbrauchen rund 20 % des gesamten kommunalen Strombedarfs in Deutschland. Bei über 9.000 Anlagen summiert sich das auf etwa 4,4 TWh pro Jahr – mehr als eine Großstadt wie Düsseldorf benötigt.
Der größte Energiefresser ist die biologische Stufe: Die Belüftung der Belebungsbecken macht 50–70 % des Gesamtstromverbrauchs einer Kläranlage aus. Hier setzen Gebläse Druckluft ein, um Sauerstoff für die Bakterien bereitzustellen, die Schmutzfrachten abbauen.
Das Problem: Die meisten Anlagen steuern die Belüftung nach starren Regeln oder einfachen Sauerstoff-Sollwerten. Die tatsächliche Schmutzfracht schwankt jedoch erheblich – nach Starkregen, an Wochenenden oder bei industriellen Einleitungen. Die Folge: Entweder wird zu viel belüftet (Stromverschwendung) oder zu wenig (schlechte Ablaufwerte).
KI-gestützte Abwasser-Prozesssteuerung löst genau dieses Dilemma.
Wie KI die Belüftung optimiert
Datenbasis: Sensoren und Messwerte
Die KI nutzt vorhandene Online-Messgeräte:
- Ammonium-Sonde (NH4-N im Zulauf und Ablauf)
- Nitrat-Sonde (NO3-N)
- Sauerstoff-Sonde (O2 im Belebungsbecken)
- Trübungsmessung (TS-Gehalt)
- Durchflussmessung (Zulaufmenge)
- Wetterdaten (Regen, Temperatur)
Prädiktive Steuerung statt Reaktion
Herkömmliche Steuerungen reagieren auf Ist-Werte: Sinkt der Sauerstoff unter 2 mg/l, schalten die Gebläse hoch. Die KI arbeitet vorausschauend:
- Sie prognostiziert die Schmutzfracht der nächsten 2–4 Stunden anhand von Zulaufdaten und Tagesgang-Mustern
- Sie berechnet den optimalen Sauerstoffeintrag für jede Zone des Belebungsbeckens
- Sie steuert die Gebläse-Drehzahl stufenlos – nicht binär ein/aus
Durch diese prädiktive Steuerung vermeidet die KI Über- und Unterbelüftung gleichzeitig.
Praxisbeispiel: Kläranlage 50.000 EW in Hessen
Eine kommunale Kläranlage in Mittelhessen (50.000 Einwohnerwerte, 3 Belebungsbecken) hat im Pilotprojekt über 18 Monate folgende Ergebnisse erzielt:
| Kennzahl | Vor KI | Mit KI | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Stromverbrauch Belüftung | 1.840 MWh/a | 1.288 MWh/a | −30 % |
| Stromkosten (bei 0,22 €/kWh) | € 404.800 | € 283.360 | −€ 121.440 |
| NH4-N Ablauf (Jahresmittel) | 1,8 mg/l | 1,2 mg/l | −33 % |
| Grenzwertüberschreitungen | 6/Jahr | 0/Jahr | −100 % |
| CO2-Emissionen (indirekt) | 736 t/a | 515 t/a | −221 t/a |
Die Investitionskosten von € 95.000 (Software, Integration, Schulung) haben sich in unter 12 Monaten amortisiert.
Technische Architektur
# KI-Prozesssteuerung Kläranlage – Systemarchitektur
datenerfassung:
sensoren:
- typ: "Ammonium NH4-N"
position: "Zulauf + Ablauf Belebung"
messintervall: 60 # Sekunden
- typ: "Sauerstoff O2"
position: "Zone 1, 2, 3 Belebung"
messintervall: 30
- typ: "Nitrat NO3-N"
position: "Ablauf Belebung"
messintervall: 60
- typ: "Durchfluss"
position: "Zulauf Gesamtanlage"
messintervall: 10
scada_anbindung: "OPC-UA"
protokoll: "Modbus TCP / MQTT"
ki_modell:
typ: "LSTM + Reinforcement Learning"
trainingsperiode: "12 Monate historische Daten"
vorhersagehorizont: "4 Stunden"
aktualisierung: "alle 15 Minuten"
steuerung:
geblaesesteuerung:
- geblaese: "Gebläse 1 (55 kW)"
drehzahl_min: 30 # Prozent
drehzahl_max: 100
- geblaese: "Gebläse 2 (55 kW)"
drehzahl_min: 30
drehzahl_max: 100
sicherheit:
o2_minimum: 0.5 # mg/l – Notfall-Untergrenze
o2_maximum: 4.0 # mg/l – Überbelüftungsschutz
rueckfall_auf_sps: true # Bei KI-Ausfall
Implementierung: 3 Phasen in 6 Monaten
Phase 1: Datenanalyse (Monat 1–2)
Erfassen Sie 2–3 Monate Online-Messdaten. Die KI benötigt mindestens 6 Monate historische Daten für ein robustes Training. Falls vorhanden, können Daten aus dem Prozessleitsystem exportiert werden.
Kosten: € 8.000–15.000 (Beratung + Datenaufbereitung)
Phase 2: KI-Training und Parallelbetrieb (Monat 3–4)
Die KI läuft parallel zur bestehenden Steuerung. Sie gibt Empfehlungen, greift aber noch nicht aktiv ein. Das Betriebspersonal prüft die Vorschläge und gibt Feedback.
Kosten: € 35.000–50.000 (Software-Lizenz + Integration)
Phase 3: Produktivbetrieb mit Überwachung (Monat 5–6)
Die KI übernimmt schrittweise die Gebläsesteuerung. Ein Rückfall auf die SPS-Steuerung ist jederzeit per Knopfdruck möglich. Nach 4 Wochen stabilem Betrieb wird die KI als primäre Steuerung freigegeben.
Kosten: € 10.000–20.000 (Schulung + Feinabstimmung)
Für eine grundlegende Einführung in KI-Projekte lesen Sie unseren KI-Leitfaden für Unternehmen.
Förderung und Finanzierung
Kommunale Kläranlagen können von mehreren Förderprogrammen profitieren:
- Kommunalrichtlinie (NKI): Bis zu 40 % Förderung für Energieeffizienzmaßnahmen
- KfW-Programm 432: Energetische Stadtsanierung – Zuschüsse für Machbarkeitsstudien
- Landesprogramme: Variieren je nach Bundesland (z. B. Baden-Württemberg: bis zu 50 %)
Bei einer Gesamtinvestition von € 95.000 und 40 % Förderung sinkt der Eigenanteil auf € 57.000 – bei einer Jahresersparnis von € 85.000+ ein ROI von über 140 % im ersten Jahr.
Planen Sie Ihr Budget mit unserem Leitfaden zu KI-Kosten.
Anforderungen an das Betriebspersonal
Die KI ersetzt kein Fachpersonal. Betreiber benötigen:
- Grundverständnis der KI-Steuerungslogik (1–2 Tage Schulung)
- Fähigkeit, Sensorwerte zu interpretieren und Plausibilitätsprüfungen durchzuführen
- Kenntnis der Rückfallszenarien bei Systemstörungen
Erfahrungsgemäß akzeptiert das Betriebspersonal die KI schnell, wenn es die Ergebnisse sieht: stabilere Ablaufwerte, weniger Alarmmeldungen in der Nacht und ein ruhigerer Betrieb insgesamt. Besonders Bereitschaftsdienste profitieren spürbar: Statt nachts wegen Grenzwertalarmen auszurücken, greift die KI vorausschauend ein und verhindert kritische Situationen, bevor sie entstehen. Betreiber berichten von einer Reduktion nächtlicher Alarme um bis zu 70 %.
Anbieter für KI-Kläranlagensteuerung
- ATEMIS (Siemens) – Integriert in SIMATIC PCS 7, für große Anlagen ab 20.000 EW
- Sentry (Firma akvola) – Spezialisiert auf kommunale Anlagen, ab € 45.000
- WaterExpert (DHI) – Dänischer Anbieter mit starker Referenz in Skandinavien
- Eigenentwicklungen auf Basis von Open-Source-Frameworks (TensorFlow, PyTorch)
Achten Sie bei der Auswahl auf die Kompatibilität mit Ihrem Prozessleitsystem (SCADA). Die Integration über OPC-UA ist der aktuelle Standard und ermöglicht eine bidirektionale Kommunikation zwischen KI-Software und Anlagensteuerung. Fragen Sie beim Anbieter explizit nach Referenzanlagen in vergleichbarer Größe und mit ähnlicher Verfahrenstechnik.
Nutzen Sie unsere KI-ROI-Excel-Vorlage für eine anlagenspezifische Wirtschaftlichkeitsberechnung.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann die KI auch die Fällung und Phosphateliminierung optimieren?
Ja. Neben der Belüftung können KI-Systeme auch die Fällmitteldosierung (z. B. Eisen-III-Chlorid) optimieren. Typische Einsparungen liegen bei 15–25 % Fällmittel, was bei einer 50.000-EW-Anlage € 12.000–20.000 pro Jahr ausmacht.
Was passiert bei einem KI-Systemausfall?
Alle professionellen Lösungen verfügen über eine automatische Rückfallsteuerung. Bei Ausfall der KI übernimmt die klassische SPS-Steuerung innerhalb von Sekunden. Die Anlage läuft dann wie vor der KI-Einführung – weniger effizient, aber sicher.
Sind die Ablaufwerte mit KI-Steuerung behördlich anerkannt?
Ja. Die KI ist ein Hilfsmittel zur Prozessoptimierung, ändert aber nichts an der wasserrechtlichen Genehmigung. Die Überwachungswerte werden weiterhin regulär beprobt und an die Behörde gemeldet. Mehrere Landesumweltämter haben KI-gesteuerte Anlagen bereits geprüft und freigegeben.
Welche Anlagengröße ist mindestens erforderlich?
Ab einer Anlagengröße von 10.000 EW ist KI-Optimierung wirtschaftlich sinnvoll. Kleinere Anlagen haben oft zu wenig Stellgrößen und zu geringe absolute Stromkosten, um die Investition zu rechtfertigen. Für einen umfassenden KI-Einstieg empfehlen wir unseren KI-Implementierungsleitfaden.
Wie viel CO2 spart eine KI-optimierte Kläranlage?
Pro eingesparter MWh Strom vermeidet eine Kläranlage ca. 400 kg CO2 (deutscher Strommix 2026). Bei 550 MWh Einsparung sind das rund 220 Tonnen CO2 pro Jahr – ein wichtiger Beitrag zum kommunalen Klimaschutzkonzept.
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