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KI Trinkwasser Chlorung: Dosierung automatisieren

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KI-gesteuerte Chlordosierung im Wasserwerk: Präzise, sparsam, TrinkwV-konform

TL;DR

KI-gesteuerte Chlordosierung passt die Chlormenge in Echtzeit an Trübung, Temperatur, pH-Wert und Durchfluss an. Kommunale Wasserwerke halten damit den TrinkwV-Grenzwert von 0,3 mg/l zuverlässiger ein als mit klassischer PID-Regelung -- bei 18-22% weniger Chlorverbrauch. Die Nachrüstung bestehender Dosieranlagen kostet 35.000-60.000 EUR und amortisiert sich innerhalb von 18-24 Monaten.


Warum die klassische Regelung an ihre Grenzen stößt

Die meisten kommunalen Wasserwerke in Deutschland dosieren Chlor über eine PID-Regelung. Sensor misst den Chlorgehalt nach der Dosierstelle, Regler passt die Pumpenleistung an. Das funktioniert bei stabilen Bedingungen. Aber Trinkwasser ist nicht stabil.

Morgens um 6 Uhr steigt der Verbrauch sprunghaft. Nachmittags bei Starkregen bringt das Rohwasser plötzlich höhere Trübungswerte. Im Sommer klettert die Wassertemperatur auf 18°C, was die Chlorzehrung beschleunigt. Die PID-Regelung reagiert auf all das -- aber sie reagiert erst, wenn der Messwert bereits abweicht. Das bedeutet: ständiges Überschwingen und Unterschwingen.

In der Praxis sehen wir bei vielen Wasserwerken Chlorschwankungen von ±0,08 mg/l um den Sollwert. Klingt harmlos, hat aber Folgen: Bei 0,22 mg/l am Netzende reicht die Desinfektion möglicherweise nicht. Bei 0,38 mg/l beschweren sich Verbraucher über Chlorgeschmack.

So arbeitet die KI-Dosierung

Der Grundgedanke: Statt nur auf den aktuellen Chlorwert zu reagieren, bezieht das KI-Modell Vorhersagewerte ein.

Das System nutzt ein LSTM-Netzwerk (Long Short-Term Memory), das aus historischen Daten lernt. Eingangswerte sind:

  • Rohwasser-Trübung (NTU)
  • pH-Wert vor und nach Dosierung
  • Wassertemperatur
  • Durchflussmenge (m³/h)
  • Tageszeit und Wochentag (Verbrauchsmuster)
  • Wetterdaten (optional, für Starkregen-Vorhersage)

Das Modell sagt den Chlorbedarf 15-30 Minuten voraus und steuert die Dosierpumpe proaktiv. Der Chlorwert am Messpunkt bleibt dadurch in einem Band von ±0,02 mg/l statt ±0,08 mg/l.

# Beispiel-Konfiguration KI-Chlordosierung
system:
  modell: "LSTM mit 3 Hidden Layers (128/64/32 Neuronen)"
  trainingsperiode: "6-12 Monate Betriebsdaten"
  eingangssignale:
    - "Trübung_NTU (Rohwasser)"
    - "pH_Wert (vor Dosierung)"
    - "Temperatur_Celsius"
    - "Durchfluss_m3h"
    - "Uhrzeit_Wochentag"
  ausgangssignal: "Dosierpumpe_ml_min"
  regelintervall: "10 Sekunden"

hardware:
  edge_rechner: "Industrierechner IP65 (z.B. Siemens IPC)"
  anbindung: "OPC-UA an bestehendes Prozessleitsystem"
  sensoren: "Bestehende Sensorik wird weitergenutzt"

sicherheit:
  fallback: "PID-Regelung übernimmt bei KI-Ausfall automatisch"
  grenzwert_hard: "Max 0,3 mg/l (TrinkwV) als Hardware-Sperre"
  alarm: "Bei Abweichung >0,05 mg/l vom Sollwert"

Entscheidend: Die KI ersetzt die PID-Regelung nicht, sie sitzt darüber. Fällt der Edge-Rechner aus oder liefert das Modell unplausible Werte, springt sofort die klassische Regelung ein. Kein Wasserwerk muss befürchten, dass ein Software-Fehler die Trinkwasserqualität gefährdet.

Was die Umrüstung kostet -- und was sie spart

Ein kommunales Wasserwerk mit 5.000-50.000 versorgten Einwohnern rechnet so:

Investition: 35.000-60.000 EUR einmalig. Darin enthalten: Edge-Rechner, OPC-UA-Anbindung an das bestehende Prozessleitsystem, Modelltraining mit 6-12 Monaten historischen Daten und die Inbetriebnahme. Bestehende Sensoren und Dosierpumpen werden weiterverwendet.

Einsparung Chlor: 18-22% weniger Verbrauch. Bei einem Wasserwerk, das 800 kg Chlor pro Jahr einsetzt (Kosten ca. 12.000 EUR), sind das 2.200-2.600 EUR jährlich. Klingt überschaubar, ist aber nur ein Teil der Rechnung.

Der größere Hebel: weniger Personalaufwand für manuelle Nachregelung. Wassermeister berichten, dass sie pro Woche 3-5 Stunden mit dem Nachjustieren der PID-Parameter verbringen -- besonders bei Wetterumschwüngen. Mit der KI-Steuerung entfällt das weitgehend. Bei Personalkosten von 45 EUR/h sind das 7.000-11.000 EUR pro Jahr.

Zusammen amortisiert sich die Investition in 18-24 Monaten. Den vollständigen Berechnungsansatz können Sie mit unserem KI-ROI-Rechner nachvollziehen.

Genehmigung und TrinkwV-Konformität

Wer Trinkwasser produziert, kann nicht einfach eine KI anschließen und hoffen. Die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) setzt klare Grenzen: maximal 0,3 mg/l freies Chlor am Zapfhahn des Verbrauchers, mindestens 0,1 mg/l am Netzende für ausreichende Desinfektion.

Das zuständige Gesundheitsamt muss informiert werden. Unsere Empfehlung: Dokumentieren Sie das KI-System als "Assistenzsystem zur Dosieroptimierung" mit Hardware-Grenzwertsperre. In der Praxis haben wir noch keinen Fall erlebt, in dem ein Gesundheitsamt die Genehmigung verweigert hat -- sofern die Fallback-Regelung sauber nachgewiesen wurde.

Die DVGW-Arbeitsblätter W 624 und W 625 zur Desinfektion enthalten noch keine expliziten Vorgaben für KI-Dosierung. Das wird sich ändern, aber aktuell bewegen Sie sich in einem regulatorischen Graubereich. Dokumentation ist daher Pflicht: Jeder Dosiervorgang, jede KI-Entscheidung muss revisionssicher protokolliert werden.

Weitere Hintergründe zur Implementierung von KI-Systemen in regulierten Umgebungen haben wir separat aufbereitet.

Pilotprojekt: So starten Sie in 90 Tagen

Reden wir über den konkreten Ablauf. Ein realistischer Zeitplan:

Woche 1-2: Bestandsaufnahme. Welche Sensordaten liegen historisch vor? Mindestens 6 Monate Betriebsdaten sind nötig, 12 Monate ideal. Wenn Ihre Daten nur auf Papier oder in einer alten SPS liegen, planen Sie 4-6 Wochen zusätzlich für die Datenextraktion ein.

Woche 3-8: Modelltraining. Der Anbieter trainiert das LSTM-Modell auf Ihre spezifischen Verhältnisse. Jedes Wasserwerk ist anders: Rohwasserquelle, Leitungsnetz, Verbrauchsmuster. Ein Modell von Wasserwerk A funktioniert nicht für Wasserwerk B.

Woche 9-10: Parallelbetrieb. Die KI läuft im Schatten der bestehenden PID-Regelung mit. Sie sehen, was die KI empfohlen hätte, ohne dass tatsächlich dosiert wird. Das schafft Vertrauen.

Woche 11-12: Übergabe. Die KI übernimmt die Dosierung, PID bleibt als Fallback aktiv. In den ersten 4 Wochen sollte ein Mitarbeiter die Werte engmaschig kontrollieren.

Wie bei der Qualitätssicherung in der Lebensmittelverarbeitung gilt: Vertrauen wächst durch Transparenz, nicht durch Versprechen.

Häufig gestellte Fragen

Was kostet die KI-Chlordosierung für ein kommunales Wasserwerk? Die Investition liegt bei 35.000-60.000 EUR einmalig, abhängig von der Komplexität des Prozessleitsystems. Jährliche Wartungs- und Lizenzkosten betragen 4.000-8.000 EUR. Die Amortisation erfolgt nach 18-24 Monaten durch Chloreinsparung (18-22%) und reduzierten Personalaufwand.

Muss das Gesundheitsamt zustimmen? Das Gesundheitsamt muss informiert werden, eine formale Genehmigung im klassischen Sinne ist nicht erforderlich. Entscheidend ist die Dokumentation der Hardware-Grenzwertsperre (max. 0,3 mg/l) und der Fallback-Regelung. Wir empfehlen ein technisches Dossier mit Risikobewertung vorzulegen.

Wie reagiert das System bei Sensorausfall? Bei Ausfall eines Eingangssensors schaltet das System automatisch auf PID-Regelung um. Der Wechsel erfolgt innerhalb von 2 Sekunden. Zusätzlich löst ein Alarm im Prozessleitsystem aus, sodass der Wassermeister sofort informiert wird.

Funktioniert die KI auch bei Chlordioxid oder UV-Desinfektion? Das Grundprinzip ist übertragbar, aber die Modelle unterscheiden sich. Chlordioxid hat eine andere Zerfallskinetik als freies Chlor, das LSTM-Modell muss entsprechend angepasst werden. UV-Desinfektion hat keinen Residualeffekt und profitiert weniger von einer prädiktiven Steuerung.

Wie viel Chlor spart die KI-Steuerung konkret ein? In der Praxis messen wir 18-22% weniger Chlorverbrauch gegenüber PID-Regelung. Der Grund: Die KI vermeidet das typische Überschwingen bei Lastsprüngen. Ein Wasserwerk mit 800 kg Jahresverbrauch spart damit 144-176 kg Chlor, was neben den Kosten auch die Nebenproduktbildung (THM) reduziert.


Fazit und nächster Schritt

Prüfen Sie als erstes, ob Ihre Betriebsdaten der letzten 12 Monate digital vorliegen. Das ist die wichtigste Voraussetzung. Wenn ja, holen Sie Angebote von spezialisierten Anbietern für Wasserwerks-KI ein und lassen Sie eine Kosten-Nutzen-Analyse erstellen.

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